
Marloes Fischer, Gründerin des Circular Hub, hat mich eingeladen, am ersten Community-Anlass des Circular Construction Catalyst 2033 über meine Erfahrungen als Mitgründer und Mitglied verschiedener ‘Communities’ in der Schweiz zu sprechen, die in den letzten zehn bis fünfzehn Jahren in der Schweiz ‚offene Behördendaten‘ als neuen Standard etabliert haben.
Kurz dazu, was ‘offene (Behörden)-Daten’ sind: Sie werden von staatlichen Stellen in maschinenlesbarer Form, für alle und jeden kostenlos, zur freien Wiederverwendung bereitgestellt. Ihr alle [hier im Raum] habt sie schon genutzt – zB. offene Geodaten – bzw. von Diensten profitiert, die diese Daten wiederverwenden.
‚Offene Behördendaten‘ sind heute Gesetz
.. in der Stadt Zürich seit 2022 und für die zentrale Bundesverwaltung seit Beginn dieses Jahres. Und bald gelten sie auch in einigen Kantonen als das “neue Normal”. Dass das heute so ist, ist das Ergebnis vieler Menschen, die daran und daraufhin gearbeitet haben. Sie haben dazu erstens verschiedene ‘Communities’ gegründet, auf- und ausgebaut und zweitens bereits existierende ‘Communities’ adressiert und für die gemeinsame Vision engagiert.
Von diesen ‚Communities‘ möchte ich vier nennen, bei denen ich ich mitgewirkt habe – und dies teilweise bis heute tue:
- Der Verein Opendata.ch, den wir 2011 gegründet haben. Er organisiert Hackathons, Konferenzen und andere Anlässe für Macher:innen und Interessierte, tritt politisch für Offenheit ein und fördert gemeinnützige Technologie-Projekte über den Prototype Fund. Nach mehr als zehn Jahren im Vorstand, wirke ich heute noch im Beirat mit.
- Die Firma Liip als Beispiel einer privatwirtschaftlichen Organisation, die Open-Data-Infrastruktur und -Dienstleistungen anbietet. Ihre Mitarbeitenden sind aktiv in Opensource-Communities und tragen zum Nutzen aller Anwender:innen zur Weiterentwicklung von Software mit offenem Quellcode bei. Dort habe ich 2011 bis 2018 gearbeitet.
- Die ‘Community of Practice’ für offene Behördendaten des Kantons Zürich, in der sich Mitarbeitende der kantonalen Verwaltung sowie von Gemeinden bei ihrer Arbeit mit (offenen) Daten gegenseitig unterstützen. Diese Community haben wir 2019 ins Leben gerufen und sie hat sich bereits kurz darauf in der Pandemie ausserordentlich bewährt.
- Die International Design in Government Community, in der sich Mitarbeitende von Organisationen der öffentlichen Hand weltweit unterstützen, Behörden und ihre Dienstleistungen nutzer- bzw. menschenzentrierter zu machen.
Seitdem ich Ende 2022 die kantonale Verwaltung wieder verlassen habe, um mich selbstständig zu machen, wirke ich aktuell neben Nr. 1 noch bei Nr. 4 weiter mit.
Was zeichnet diese ‘Communities’ aus
.. deren Mitglieder Aktivist:innen, privatwirtschaftliche und öffentliche Angestellte und Selbständigerwerbende sind? Sie horten Wissen nicht oder geben nur eingeschränkten Zugang dazu, nein, sie teilen und kultivieren es mit vielen, mit allen. Offen und öffentlich.
Nicht weil ihre Mitglieder Gutmenschen wären. Nicht weil ihr Tun brotlos wäre. Nein, gerade weil sie wissen, dass sie gemeinsam alle mehr erreichen und leisten können. Sprich: gesellschaftlich und auch wirtschaftlich prosperieren können. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass gute ‘Communities’ keine geschlossenen Zirkel sind, sondern offene, anschlussfähige Strukturen.
Die Raute bzw. der ‘Hashtag’ drückt für mich zentrale Qualitäten erfolgreicher ‘Communities’ aus. Qualitäten, die entscheidend zu ihrer Wirksamkeit beitragen. Analog zum Hashtag in digitalen sozialen Netzwerken ermöglichen es diese ‘Communities’ – indem sie ihre Inhalte für alle offen teilen – ihren Mitgliedern, aber auch allen Nicht-Mitgliedern ausserhalb, diese Inhalte uneingeschränkt wiederzuverwenden.
Das stärkt einerseits das gemeinsame Thema bzw. die Vision, und macht andererseits die Inhalte, das geteilte Wissen selbst noch besser. So wachsen und wandeln sich diese Communities weiter, indem sie den Bedürfnissen ihrer Mitglieder und ihrer Nutzer:innen entsprechen. Durch die Art und Weise wie sie alle, die das geteilte Wissen nutzen, zu Beteiligten werden lassen, wirken sie massiv über sich selbst hinaus.
So etablieren sie das “neue Normal” über die praktische Anwendung, bereits bevor es ‘Gesetz’ wird. Anno 2010 hob das Thema ‘offene Daten’ – auch in der Schweiz – ab. Mir scheint das Thema “Zirkularität” und euer Fokus “Zirkuläres Bauen” ist bereits etwas weiter als es unser Thema anno 2010 war.
Was hat es gebraucht, um gemeinsam ‘Communities’ zu schaffen
.. mit den erwähnten Qualitäten, die breite und tiefe Wirksamkeit entfalten konnten – und es weiter tun? Beim Ausbau der Bewegung für ‚Open Data‘ mit dem Aufbau des Vereins Opendata.ch haben wir von Beginn an die verschiedensten Leute mit ihren Erfahrungen – Bedürfnissen, Erwartungen, Hindernissen und Fragen – miteinander in Austausch gebracht. Wir haben Räume geschaffen, wo Menschen, was sie brauchen, offen miteinander teilen.
Dass sie das tun, erfordert Wertschätzung füreinander. In digitalen Räumen hilft dabei ein ‘Kodex’, den alle Teilnehmer:innen gegenseitig respektieren. Und generell eine demütige Haltung: Ich persönlich zB. achte trotz aller Leidenschaft für eine Sache darauf, mir und anderen nicht vorzumachen, bereits ‘upfront’ zu wissen, was getan werden müsste. Das Engagement für eine Sache darf nicht dafür draufgehen, sich und anderen die eigene Unfehlbarkeit – die es nicht gibt – zu beweisen, sondern wir müssen unsere Energie darauf verwenden, zusammen wirksam tätig zu sein.
Wirksam tätig sind wir, wenn wir – kleine – Dinge möglichst früh, einfach und schnell miteinander teilen, testen und anpassen. Wenn wir uns kontinuierlich fragen und messen, wie etwas funktioniert. Im Austausch miteinander Annahmen treffen und diese an der Realität überprüfen. Das erfordert Offenheit, Kreativität und Methodik. Resultat dieser gemeinsamen Praxis sind neben guten Produkten und Dienstleistungen, welche die Bedürfnisse ihrer Nutzer:innen treffen, auch Standards. Durch praktische Erfahrung gewonnene, durch praktische Anwendung angepasste und dadurch belastbare Standards, die andere wiederum selbst wirksam anwenden können.
So bauen ‘Communities (of Practice)’ gemeinsam und über sich selbst hinaus, Kompetenzen und Fähigkeiten auf und aus. Und weil sie dies grundsätzlich offen und anschlussfähig tun, verändern sie den Status Quo in unserer Gesellschaft einfach und nachhaltig zugleich.
Die Slides meines Inputs vom 12. Juni 2024, publiziert unter CC-BY Lizenz:
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